2. Kapitel
BERGWASSER
Bildersammlung 2005 bis 2008
Ausführung Installation 2012


Hundert Bergwasser, Lambdaprint unter Acrylblock, 16 x 22 x 3 cm
auf Podest 402 x 462 x 40 cm, im Raster angeordnet


Auflage 2 Exemplare: Auflage 1, Einzelblöcke; Auflage 2, Installation


Ausstellungsansicht: Kunstmuseum Thun 2012


Gedanken zu BERGWASSER

Von Karin Salm, Kulturredaktorin DRS2

1336 wandert der italienische Dichter Francesco Petrarca auf den windumbrausten Mont Ventoux, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen. In einem wunderbaren Brief tut der Dichter kund von seinen Erlebnissen: vom beschwerlichen Aufstieg, von seiner Benommenheit, von seinem Staunen über den betörenden Weitblick und davon, dass er in dieser berauschenden Höhe das innere Auge auf sich selbst richtete.

669 Jahre später wandert die Berner Künstlerin Sylvia Hostettler. Sie will hoch hinauf, über die Waldgrenze. Sie ist Gast im Kulturzentrum NAIRS in Scuol. Das Kulturzentrum liegt in der schattigen Inn-Schlucht. Der Inn tobt, die Felswände stehen bedrohlich eng, düster wirken die Tannen. Sie zieht los, angetrieben vom Wunsch, sich der grossartigen Bergnatur auszusetzen. Vielleicht gerät sie beim Aufstieg etwas ausser Atem, denn die Bergflanken im Unterengadin sind steil. Und wie Petrarca beginnt sie zu staunen über die Felsformationen, die Bergparaden, die Vegetation, das Direkte und Raue. Und: Sylvia Hostettler macht eine wundersame Entdeckung. In einem blanken Bergsee spiegelt sich ein Berg. Im See scheint der Berg Kopf zu stehen. Wie Petrarca berichtet sie von dieser wundersamen Entdeckung. Sie fotografiert dieses Bergspiegelbild auf der Wasseroberfläche, bringt das Bild ins Tal und sieht: Dieses Wasser samt Berg und Himmel ist gut. So gut, dass sie beschliesst, Hundert solche Bergwasser ins Tal zu holen und so den zweiten Teil ihrer Projektreihe LANDSCHAFTEN zu schaffen.

Petrarca ist nur einmal auf den Mont Ventoux gestiegen – Sylvia Hostettler wird mehrmals in den Bergen unterwegs sein. Während vier Jahren sucht sie auf performativen Wanderungen Bergseen auf – und wird auf diesen philosophischen Gedankengängen vermutlich immer wieder das innere Auge auf sich selbst richten. Dabei muss sie erkennen, dass die Bergseen nur dann wirklich spiegelblank sind, wenn kein Wind weht. Und das sind die frühen Morgen- und Abendstunden. Der Künstlerin bleibt also nichts anderes, als in den Bergen über der Waldgrenze zu übernachten, um dem Berg im Wasser zu begegnen. Allerdings springen ihr auf den stillen Wasseroberflächen mehr als nur Berge mit saftigem Gras, dunklen Felspartien und weissen Schneeflanken ins Auge. Da ist auch der Farbenzauber des Himmels und der Wolken. Und ins Spiegelbild mischt sich heimlich auch der steinige Seegrund, der im gespiegelten Himmel wie bedrohliche Gewitterwolken wirkt. Kurzum: Indem Sylvia Hostettler Hundert Bergwasser ins Tal hinunter trägt, hat sie gleichzeitig ein irritierendes Gemisch aus Bild und Abbild mit im Gepäck. Eine Art Rätselbild.



Da Sylvia Hostettler sich weniger für das zweidimensionale Bild als vielmehr für das Objekthafte interessiert, packt sie die Bergseen mit den Bergen und den Himmeln in einen Acrylglasblock. Die Wasser ruhen hinter einer drei Zentimeter dicken Schicht. So wirken sie versunken, erstarrt und gleichzeitig sorgfältig geschützt.

Der italienische Dichter Francesco Petrarca hat mit seiner Besteigung des mächtigen Berges Mont Ventoux den Grundstein für die bewusste Wahrnehmung der Landschaft gelegt. Er hat  die Landschaft als faszinierendes, ästhetisches Ganzes entdeckt. Diese Wahrnehmungsarbeit in und mit der Landschaft betreibt die Künstlerin Sylvia Hostettler seit Jahren, in verschiedenen Projekten. Wenn sie nun ihre Bergwasser im strengen Raster von 10 auf 10 Bildern auf einem dunklen Podest ausbreitet, schafft sie selbst eine Art Landschaft. Sie lädt unsere Augen ein zu einer aufregenden Wanderung, die uns buchstäblich den Kopf verdreht. Wir staunen, stocken irritiert, weil manche Berge im Wasser zu zittern scheinen, weil doch ein kleiner Windhauch über den Bergsee gehuscht ist. Wir überlegen, wie die Blöcke richtig zu betrachten sind. Vielleicht nehmen wir uns Zeit, setzen uns und lassen den Blick auf tiefere Höhe schweifen und freuen uns über die glitzernde Farbigkeit und das verspielte Spiegeln in den Seitenwänden der Bergwasserblöcke.